Solidarität im Sterben

Früher gab es in Afrika einen Konsens darüber, den Kindern die Idee zu vermitteln, dass Geld nicht über Menschen steht, dass Geld ehrlich verdient wird, und dass derjenige, der nicht genug verdient, sich auf die Solidarität anderer verlassen kann. Das war das Prinzip, das das individuelle und das soziale Gleichgewicht gewährleistete. Heutzutage erziehen Eltern ihre Kinder nicht mehr dazu, da sie selbst nicht mehr sicher sind, dass dieser Grundsatz weiter gilt.

In der Tat befinden wir uns in einer Gesellschaft, die nur noch den Namen afrikanisch trägt Es handelt sich um eine neue Gesellschaft, die weder afrikanisch noch europäisch oder asiatisch ist. Die Situation ist deshalb noch schlimmer als früher, als wir wussten, dass die zu befolgenden Verhaltensweisen afrikanisch waren. Der europäische Lebensstil, den wir angenommen haben, ist radikal individualistisch und zerstört systematisch die Solidarität, hier wie überall dort, wo er sich niedergelassen hat, mit seinen Auswirkungen in Form von systemischer Gewalt und Kriminalität, die sich nur noch verstärken.

Solidarität ist die Antwort der Menschen auf die Urangst des Lebens. Die Afrikaner hatten das so gut verstanden, dass sie die Solidarität zum Zement ihres Gemeinschaftslebens gemacht hatten. Je mehr Afrika sich verwestlicht und von sich selbst entfernt, desto mehr trägt es die Solidarität Stück zu Stück zu Grab, desto mehr greift die existenzielle Angst an allen Enden und Enden des individuellen Bewusstseins um sich. Und ein Mensch, der von existenzieller Angst beherrscht und gesteuert wird, ist schwach. Er ist allen möglichen Praktiken ausgeliefert, weil er glaubt, die Angst überwinden zu können durch: Prostitution, Korruption, Kriminalität, Menschenhandel usw.

So sehr man auch sagen kann, dass Geld nicht glücklich macht: Man braucht ein Minimum zum Leben. Und wenn man weder durch eigene Arbeit noch durch die Solidarität der Gemeinschaft über dieses Minimum verfügen kann, dann ist der Mentalität des „Rette sich wer kann“ Tür und Tor geöffnet. Die ganze Gesellschaft ist von Angst ergriffen, weil sie die Solidarität nicht mehr spürt und pflegt. Wir rennen in die Katastrophe, weil die Menschen, die in Führungsverantwortung stehen, uns die Bildung und die Kraft zu geben, diesen Trend umzukehren, ihre Verantwortung aufgegeben haben.

Der zügellose Wettlauf ums Geld ist nur der Wettlauf darum, die Lücke, die der Wegfall der Solidarität hinterlassen hat, zu schließen. Deshalb gibt es meiner Meinung nach keine andere Alternative, als neue Solidaritäten aufzubauen, wenn wir als Nation und als Kontinent eine Überlebenschance haben wollen. So wie es derzeit läuft, haben wir keine Chance, zu einer entwickelten, ausgewogenen und gewaltfreien Gesellschaft zu gelangen. Die Zerstörungsmaschine, die wir angenommen und Tag für Tag pflegen, ist ein Monster, dessen Lieblingsspeise die Solidarität der Menschen ist.

Dr. Urban N’Dakon